Corona-Verschwörungstheorien: Hexenglauben reloaded

Hat man euch auch schon erzählt, hinter der Corona-Krise würden in Wirklichkeit Bill Gates, „die Rothschilds“, Angela Merkel oder die 5G-Masten stecken? Solche Erzählungen sind im Augenblick viel in den sozialen Medien unterwegs. Das nennt man Verschwörungstheorien. (Obwohl es eigentlich keine Theorien sind, sondern eher Verschwörungsglauben.)

Woher kommt sowas? Warum wollen manche Menschen solche Geschichten unbedingt glauben? Es kommt aus der menschlichen Natur. Früher – also ganz früher – war es für unsere Vorfahren wichtig, eine Gefahr möglichst schnell zu erkennen: den Tiger im Gebüsch, den Bär im Dunkeln oder auch eine Herde Antilopen, die vor irgendwas abhaut. Wer die Gefahr schnell erkannt hat, konnte weglaufen oder sich verstecken. Wer sie nicht schnell erkannt hat, wurde gefressen. Überlebt haben also diejenigen, die schnell Gefahren erkennen und darauf reagieren konnten. Genau deshalb hat sich der Reflex, einen Feind möglichst schnell zu erkennen, in den Menschen bis heute erhalten.

Ein zweiter Überlebensvorteil in der Menschheitsgeschichte war, wenn aus der Angst Zusammenhalt wurde, und aus dem Zusammenhalt wütende Angriffsbereitschaft. Man hat sich mit vielen Anderen zusammengetan und mit Stöcken und Steinen den Tiger und den Bären verjagt. Auch dieser Reflex – aus Angst wird Wut und Zusammenhalt – hat sich im Menschen bis heute gehalten.

Blöderweise gibt es aber auch Gefahren, die sind nicht so leicht auf einen „Feind“ zurückzuführen. Zum Beispiel Waldbrände, Erdbeben, Überschwemmungen, schlechtes Wetter, Krankheiten und Seuchen. Auf eine Gefahr, deren Ursprung man nicht erkennt und die man deshalb nicht zusammen mit Kollegen bekämpfen kann, kommen manche nicht gut klar. Für manche muss es immer einen greifbaren Schuldigen geben.

Wenn im 16. und 17. Jahrhundert irgendwas schief gelaufen ist (zum Beispiel eine schlechte Ernte), wurden einfach irgendwelche Leute beschuldigt. Sie kamen ins Gefängnis und wurden gequält bis sie alles zugegeben haben, auch wenn sie gar nichts gemacht hatten. Sie wollten nur, dass die Folter endlich aufhörte. Anschließend wurden sie wegen „Schadenszauber“ verurteilt und als „Hexen“ verbrannt.

In Arnsberg ist es im Jahr 1631 sogar dem Bürgermeister Henneke so ergangen. Man hat ihm die Schuld an der Pest gegeben, einer schlimmen Seuche, an der damals viele gestorben sind. Eigentlich war es total dumm, ihn zu beschuldigen. Er hatte nämlich sogar gute Ideen für die Stadt und hat auch von seinem eigenen Geld etwas dafür gespendet. Außerdem hat er gesagt, man sollte mit der Hexenverfolgung aufhören, das wäre Quatsch und würde nichts bringen.

Aber genau das fanden andere verdächtig! Deswegen ist er selber verhaftet und gefoltert worden. Er hat auch unter der Folter nichts zugegeben, was er nicht gemacht hatte, und er hat auch niemanden mit reingezogen. Aber er wurde verurteilt und starb im Gefängnis. Total unschuldig, aber man wollte ja den Leuten, die danach verlangt haben, unbedingt einen „Schuldigen“ für die Pest präsentieren. Die Probleme wurden dadurch natürlich überhaupt nicht gelöst. Wer würde wohl heute unschuldig angezeigt wie der arme Henneke?

Man sollte meinen, die Menschheit hätte sich seit 1631 ein bisschen weiter entwickelt. Aber das, was wir gerade in der Corona-Krise erleben, erinnert stark an die Ereignisse vor 400 Jahren: Leute gehen zusammen auf Demonstrationen, vielleicht auch damit sie das Gefühl haben, nicht hilflos und machtlos zu sein. Manche finden die Ideen der Regierung zur Bekämpfung von Corona nicht richtig. Das ist auch okay, es spricht eigentlich nichts gegen eine kritische Öffentlichkeit.

Merkwürdigerweise glauben diese angeblich kritischen Menschen dann aber fast alles, was sie von irgendwelchen privaten Youtubern erzählt kriegen!

 Sie geben zum Beispiel Bill Gates die Schuld an Corona, weil sie unbedingt einen greifbaren Schuldigen haben wollen. Sie verdächtigen die Regierung, dass sie uns nicht schützen, sondern nur unterdrücken und überwachen will.

Klar, gegen Maßnahmen der Regierung kann man besser auf die Straße gehen und seine Wut rauslassen als gegen unsichtbare Krankheitserreger in der Atemluft. Das Blöde ist nur: Schon wieder werden Unschuldige beschuldigt, die sogar helfen wollen. Und dadurch wird, genau wie vor 400 Jahren bei der Hexenverfolgung, kein einziges Problem gelöst.

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